Lyrik

falsche zeit – falscher ort

für M.

ich gehe den weg zurück auf der
suche nach unserer zukunft von gestern
ich will die schienen neu legen
die züge umleiten …
der geruch des weißgetünchten hauses
von damals wacht wieder auf
der anblick meines kindergesichts
lähmt mir die zunge meine augen
gleiten zu boden trotz des gleichen
nenners finden wir keine gemeinsame
sprache – ich trag gänzlich allein die
schuld für die zerbrochenen träume die
schatten meiner kindheit fließen entlang der
weißen wand in der weinenden frau im hof
erkenne ich meine mutter – sind das reuetränen …
ich berühr ihre hand und will sie trösten
sie wusste um die brüchigkeit meiner träume
ich greif nach dem pinsel in ihrer hand
streiche das hofpflaster weiß und fordere sie auf
zum tanz – auch ihre züge waren zu falscher
zeit vom falschen ort abgefahren

aus: RHEIN! Nr. 12 – Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang

 

meine halbe heimat

in der näheren umgebung von lyrischen land-
schaften explodieren ständig wortklumpen des
bis zum erbrechen prosaischen alltags
ich rette mich ins niemandsland tauche
unter die hauchdünne schicht der zwischen-
töne mucksmäuschenstill halte inne
atme nicht und warte die perfekte welle ab
am ufer des ausgebeuteten flusses

angeln nach den mit wahrheit behafteten
worten verstößt mancherorts gegen das gesetz
ich kenne mich mit paragrafen nicht aus
doch weiß ich was zu tun ist
woher?

vielleicht weil ich in einem land der
halbwahrheiten groß wurde
dort lernte ich was halbgewissen ist und
wie man es totschlägt ohne dass es
nur einen mucks von sich gibt

dort lernte ich dass die grundsätzlich
andersgläubigen niemals die lyrischen
landschaften betreten werden
was sie in der ferne zu sehen bekämen
sei bloß eine fata morgana

eine welle stürmte um die ecke und
riss mich mit ich erwachte am ufer der
andersgläubigen voller hoffnung
dass hier alles anders sein würde

was ich hier zu sehen bekam
war keine fata morgana doch halbe
wahrheiten – mehrfach überstrichene –
säumten hier ebenfalls die straßen
auch herrschte hier längst keine
diktatur des gewissens eine halbe
ewigkeit dauerte genauso lang
wie in meiner ersten halben heimat

aus: DER MAULKORB, Nr. 22, Blätter für Literatur und Kunst, Dez. 2017.